Unsere Farben oder keine!

Schmierentheater (2014), DE/GB

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Herzlichen Glückwunsch.

Die Fußball-Europameisterschaft 2024 findet in Deutschland statt. Dies wurde zwar von offizieller Seite noch nicht beschlossen, gilt aber dennoch als sichere Kiste. Einer der letzten Grundsteine hierzu wurde am vergangenen Freitag im schweizerischen Genf gelegt.

Eigentlich sollte es hier lediglich um die Vergabe der Austragungsorte der ersten paneuropäischen Fußball-Europameisterschaft 2020 gehen. Jedoch lassen sich der kurzfristige Rückzug der deutschen Finalbewerbung und der damit verbundene Zuschlag für London, wo nun sowohl beide Halbfinals als auch das Finale ausgetragen werden – mit Aussicht auf das Turnier 2024 – getrost als Kuhhandel bezeichnen. Und die UEFA rollt dafür höflich den roten Teppich aus.

Bis hierhin hat alles genau so funktioniert, wie es sich der Deutsche Fußball-Bund vorgestellt hat. Bei der Europameisterschaft 2020 wird die deutsche Nationalmannschaft nicht nur in zwei Gruppenspielen in München vor eigenem Publikum auflaufen, man konnte zudem ein weiteres Gruppenspiel sowie ein Viertelfinale in die bayrische Landeshauptstadt holen. Auf der Zielgeraden der Entscheidungsfindung hatten die Delegierten des mächtigen Deutschen Fußball-Bundes ihr Bestreben jedoch widerrufen, sich auch um die Halbfinal- und Finalaustragung zu bewerben. Dadurch war der Weg frei für die britische Hauptstadt, die letzten Endes wenig überraschend den Zuschlag für sich verbuchen konnte. Für die deutschen Vertreter ist die ganze Geschichte allerdings weniger tragisch als es im ersten Moment scheint. Denn der Verzicht in letzter Sekunde war Teil eines sportpolitischen Kalküls, das aufzugehen scheint.

Dafür nämlich, dass man den Weg für die Briten frei gemacht hat, wird nun im Gegenzug wirksame Lobbyarbeit des nicht minder einflussreichen britischen Fußballverbandes FA erwartet und betrieben, um die Europameisterschaft 2024 in Deutschland austragen zu können. Es gilt als nahezu sicher, dass der WM-Ausrichter von 2006 sein nächstes großes Fußball-Event ausrichten darf. Zudem sieht der Schulterschluss der sowohl politischen wie auch sportlichen Großmächte vor, dass auch Deutschland die EM-Bewerbung der Engländer für das Turnier im Jahre 2028 entscheidend vorantreibt.

Für den deutschen Fußballfan scheint es auf den ersten Blick ein Grund zu Freude zu sein. Denn schließlich kann man neben dreier Gruppenspiele und einem Viertelfinale 2020, vier Jahre später erneut live vor Ort sein, wie sich ein Land bei einem internationalen Großturnier zum König von Europa aufschwingt. Diesmal als Alleinveranstalter.

Die Chancen auf den Zuschlag stehen für Deutschland ausgezeichnet. Neben einer hervorragenden Infrastruktur und dem 2006 praktisch erbrachten Beweis, Fußballgroßturniere einwandfrei ausrichten zu können, verleiht der in diesem Jahr errungene Weltmeistertitel noch einmal mehr Strahlkraft in der Außendarstellung. Neben dem bereits erwähnten WM-Turnier 2006 und der Frauen-WM 2011, wäre die EM 2024 das dritte fußballerische Großereignis in Deutschland binnen 18 Jahren. Zudem findet das Championsleague-Finale 2015 im Berliner Olympiastadion statt.

Als einziger Konkurrent gilt die Türkei, die nach ihrer gescheiterten Olympiabewerbung für Istanbul 2020, ihre Chance wittert. Jedoch werden dem Land in Vorderasien und Südeuropa nicht einmal Außenseiterchancen eingeräumt. Trotz dem derzeitigen Trend, gerne auch einmal auf weniger populäre Ausrichtungsorte zu setzen, was durch die Nominierungen von St. Petersburg und Baku als Schauplätze 2020 eindrucksvoll unterstrichen wurde, gilt es als sicher, dass die gemeinschaftliche Lobbyarbeit des DFB und der FA Früchte tragen wird. In den Kreativwerkstätten der Sportfunktionäre wird schon fieberhaft an einem „Supersommer 2024“ gearbeitet, bestehend aus Fußball-Europameisterschaft und Sommer-Olympiade.

Einmal davon abgesehen, dass die Chancen auch ohne Fußball-EM für eine erfolgreiche Olympia-Bewerbung Deutschlands relativ schlecht stehen, hinterlassen die abgekarteten Hinterzimmerspielchen der zwei größten europäischen Fußballverbände einen ziemlich miesen Beigeschmack.

In einer Zeit, in der gerade in Deutschland die Aufmerksamkeit gegenüber dubiosen Entscheidungen auf Funktionärsebene im Weltsport wächst, scheint es schon verwunderlich, wie offensichtlich und unverhohlen sich Hände gereicht und geschüttelt werden, gar die eine die andere wäscht.

Selbstverständlich ist es für jeden deutschen Fußballfan ein Ding der Unmöglichkeit, einer EM im eigenen Land nicht fast ausschließlich positive Seiten abzugewinnen. Sowohl die fußballerischen als auch politisch-strukturellen Gegebenheiten im Land sind einwandfrei, gehören zu den besten der Welt. Sollte die Entscheidung 2017 allerdings wie zu erwarten pro DFB fallen, wäre dies auch ein Deal mit Schönheitsfehler, der in den verstaubten Arbeitsräumen der Sportlobbyisten geschmiedet wurde. Trotz aller berechtigter Freude wäre die Entscheidung ein Schlag ins Gesicht all derjenigen, die sich für mehr Transparenz und ehrliche Demokratie innerhalb der Entscheidungsapparate im europäischen Spitzensport einsetzen.

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