Unsere Farben oder keine!

Bleib ruhig, Ruben!

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Mein Augenzeugenbericht von der Sensation in der BayArena:

Verkehrschaos in der Stadt, keine Parkmöglichkeiten rund um das etwas mehr als 30.000 Zuschauer fassende Stadion und mehrere Kilometer entfernte, sehr schlecht ausgeschilderte Park & Ride Plätze brachten unseren eigentlich üppig gestalteten Zeitplan kurzfristig durcheinander. Großartige Sympathiepunkte sammelte Leverkusen also schon bei der Anfahrt zum Stadion keine. Der Unmut über die schlechten Anfahrtsbedingungen war auch den anderen Fans vor der Partie deutlich anzumerken. Nachdem wir die sehr strengen Kontrollen des Sicherheitspersonals über uns hatten ergehen lassen und unsere Schuhe zurück bekamen, standen wir exakt um 18.55 Uhr, pünktlich zum Einlaufen der Teams in Block G5.

Die Stimmung bei den mitgereisten Schlachtenbummlern aus der Pfalz war ausgelassen, sehr harmonisch. Man wollte die – zumindest sportlich – eigentlich nicht existente Chance beim Bundesliga-Zweiten und Championsleague-Teilnehmer zumindest dazu nutzen, auf den Rängen Eindruck zu hinterlassen und Fußballdeutschland zu zeigen, dass der FCK und seine Fans in die Bundesliga gehören. Solche Chancen, sich auf der großen Fußballbühne zu beweisen flattern auch dem FCK nicht wöchentlich ins Haus.

Ziemlich schnell merkten aber auch die FCK-Anhänger, dass ihr Team taktisch einwandfrei von Kosta Runjaic eingestellt wurde. Mit vier nominellen Sechsern und Olivier Occéan als einzigen Stürmer in der Anfangsformation, konnte man zu Beginn des Spiels das taktische Konzept der roten Teufel nur schwer durchschauen. Doch der Zweitliga-Dritte machte seine Aufgabe überraschend gut, ließ bis auf einen Kopfball von Eren Derdiyok in den ersten 45 Minuten keine wirkliche Chance der Leverkusener zu. Als die Fans ihre Mannschaft mit donnerndem Applaus in die Kabine verabschiedeten, staunten die Fans im Block nicht schlecht über die taktisch sehr disziplinierte Leistung der Mannen von Kosta Runjaic.

Mit Beginn der zweiten Hälfte, in welcher der FCK nun sogar begann offensiv Akzente zu setzen, kamen die Fans nun richtig in Fahrt und mit jeder Sekunde die auf der Stadionuhr verstrich stieg die Zuversicht auf die große Sensation gegen die Millionentruppe. Mit Gesängen wie „Bayer ist nervös“ oder „Ohne Kießling fahrn wir zur WM“ versuchte man die Moral der erschreckend harmlosen Werkself nochmals schwach zu singen.

Als dann, Mo Idrissou der Anführer, der Mann, dem laut Sky-Kommentator Wolff Christoph Fuss „das Testosteron aus den Ohren raus läuft“ in der ersten Hälfte der Verlängerung, den an Karim Matmour verursachten Elfmeter mehrere Meter neben das Tor setzte, war die Zuversicht bei vielen Betzeanhängern kurzzeitig verloren. So ein Spiel, mit diesem bis dahin so traumhaften Spielverlauf geht nach einem solchen Nackenschlag normalerweise verloren. Doch die elf roten Teufel dachten nicht daran, Tempo und Kampfkraft zurückzuschrauben.

Allen voran spielte Marc Torrejon sein wohl bestes Spiel im FCK-Dress und stellte die mit Nationalspielern bestückte Offensive der Leverkusener ein ums andere mal schachmatt. Mit einem Tor der eigenen Mannschaft hätten wohl aber auch die meisten eigenen Fans nicht mehr gerechnet, da der FCK weiterhin hochkonzentriert die Abwehrleistung in den Vordergrund seines Spiels stellte.

Als allerdings Karim Matmour in der 114. Minute noch einmal den Turbo zündete, Can, Guardado, Rolfes und Toprak stehen ließ wie Kreisligaspieler, Mo Idrissou über rechts ein unwiderstehliches Solo ansetzte um zielgenau über den eingewechselten Srdjan Lakic hinweg zum mitgelaufenen Ruben Jenssen zu flanken, stockte wohl jedem Anhänger der Pfälzer, ob zu Hause vor dem Fernseher, in den Fußballkneipen des ganzen Landes oder live im Stadion, für eine gefühlte Ewigkeit der Atem.

Ab dem Moment der Ballannahme des kleinen Norwegers schien alles nur noch in Zeitlupe zu verlaufen. Der Ball fliegt über die Köpfe der Abwehrspieler hinweg, ruhig bleiben Ruben. Ballannahme, ruhig bleiben Ruben. Schuss, ruhig bleiben Ruben. Der Ball fliegt, vorbei an zwei Abwehrspielern und Keeper Leno direkt in die Maschen. Ruben hat’s gemacht. Ruben ist ruhig geblieben.

Der Gästeblock explodierte. Auch auf allen anderen Tribünen auf denen sich die Lautrer verteilt hatten brachen jetzt alle Dämme. Alle Energie, alle Hoffnung die sich mit fortschreitender Spieldauer vorsichtig angestaut hatte, brach jetzt heraus. Die reinste aller möglichen Formen von Freude entlud sich bei den Anhängern.

Wer in Zukunft behauptet, Fußball hätte homophobe Tendenzen, dem kann ich guten Gewissens entgegnen, dass die Herren auf den Tribünen in eben dieser 114. Minute im Zustand der absoluten Ekstase Dinge miteinander taten, die sämtlichen gesellschaftlich anerkannten Umgangsformen zwischen Männern widersprachen. Man konnte für nichts mehr garantieren. Alles war möglich.

Die restlichen sechs Minuten verliefen wie in einem wunderschönen Traum. Unsere Mannen in rot spielten sogar die Zeit herunter, indem sie immer wieder zur Eckfahne liefen. Fast wie Barcelona, der FC Bayern München, nur war es eben der 1. FC Kaiserslautern.

Mein FCK. Unser FCK.

Mit jeder Minute, die verstrich wurde der Lautstärkepegel enormer. Die Fans pushten sich immer weiter. Immer weiter in neue Sphären.

Nach dem Abpfiff wurde einfach nur mit der Mannschaft gefeiert. Auch wenn am Anfang niemand wirklich wusste, wie man mit der Situation umgehen sollte. Mannschaft und Fans hatten in den letzten Jahren eben nicht allzu viel zu feiern. Zeitzeugen sprechen im Nachhinein teilweise vom schönsten Auswärtserlebnis seit Köln ’91.

Aus Altersgründen, kann ich dazu keinen Vergleich ziehen, würde aber sagen, dass es emotional mit dem Heimspiel in der Relegation das wohl packendste Stadionerlebnis für mich persönlich war.

Der 1. FC Kaiserslautern hat an diesem Abend nicht nur verdient einen Top – Club des deutschen Vereinsfußballs geschlagen, sondern hat endlich wieder durch sportliche Leistungen in Deutschland auf sich aufmerksam gemacht. Seit dem Aufstieg war dies nie wieder gelungen. Den Zündler, der zweimal Pyro im Block gezündet hatte, erwartete übrigens ein persönliches Abholkomittee der Aufpasser in grün und blau. Dummheit schützt eben immer noch nicht vor Strafe.

Wenn man sich umhört, so redet im gesamten Einzugsgebiet des Betzenbergs beinahe jeder über das am Mittwoch Geschehene. Man sieht Opas mit Betze-Kappen. Frauen, die sich das Spiel in einer Bar angeschaut hatten, schwärmen immer noch von den Emotionen, die sich über das Spiel hinweg aufgebaut hatten. Jungs laufen wieder Stolz mit FCK – Schals durch die Straßen und heute Morgen habe ich sogar ein Kind mit FCK-Strampler gesehen. Auch der Nachwuchs ist also zweifelsohne infiziert worden.

Dieses Spiel könnte für einiges entschädigt haben, wenn, ja wenn am Montagabend in Aue nachgelegt und der zweite Tabellenplatz vorläufig gesichert werden kann.

In diesem Sinne: auf ein gutes Spiel, in der Hoffnung auch in Zukunft weiter solche tollen FCK-Momente erleben zu dürfen.

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